Hommage an den Schlips

 

 

Hommage an den Schlips

Der Schlips ist unter den Kleidungsstücken das interessanteste und geheimnisvollste. Denn er ist wohl das einzige, welches überhaupt keine Funktion hat, wie all die anderen, die irgendein Körperteil wärmen, schützen und bedecken. Er gehört einer anderen Welt an als all diese Unterhosen, Pulswärmer und Kniestrümpfe. Sein Reich ist nicht von Zwecken und Notwendigkeiten bestimmt, sein Reich ist das Reich der Freiheit, der Schönheit, der Kunst. Der Schlips ist dazu da, Männer (und gelegentlich auch Frauen) ein bisschen schöner, edler, besser, wertvoller, seriöser zu machen. Holen Sie mal irgendeinen Lump von der Straße und binden ihm einen Schlips um den Hals. Simsalabim, schon sieht er aus wie ein Bankangestellter. Das ist eine der großartigen Fähigkeiten des Schlipses: er gibt denn Menschen ein bisschen mehr Bedeutung, ein bisschen mehr Macht oder zumindest den Anschein von Macht. Ein Hauch von Aristokratie, radikal demokratisiert, wirklich jedermann zugänglich gemacht. Wir leben ja eigentlich in einer Schlipsokratie, unter der Herrschaft der Schlipsträger über die Nichtschlipsträger. Die STP, die Schlipsträgerpartei hat hierzulande das Sagen wie ehedem die SED in der DDR. Und noch etwas gelingt es dem Schlips zur Versöhnung zu bringen: Individualismus und Kollektivismus. Die Dinger sehen gnadenlos gleich aus, ihrer Form nach, aber in ihrer inhaltlichen Gestaltung sind sie gnadenlos unterschiedlich.

Der Schlips ist ja immer wieder verdächtigt worden, dass er ein Phallus-Symbol sei. Wenn ja, dann ist er allerdings ein hervorragend getarntes: Er ist vermutlich das einzige Phallussymbol welches... hängt. Doch wie er da so hängt, nach unten dicker werdend und pfeilartig zugespitzt, kommt er einem wie ein Hinweisschild vor, so als wollte er sagen: Da geht’s lang. Oder: ich hänge nur so tief, wie mir zu-steht.

Im Lexikon steht unter Schlips: männlicher Brust- und Halsschmuck des 20. Jahrhunderts. Es spricht fast alles dafür, dass wir ihn auch im 21.Jahrhundert noch am Hals haben werden. Aber wieso konnte er sich erst im 20. Jahrhundert durchsetzen, wieso gab es ihn nicht schon früher? Wieso hat Siegfried, als er von der Tötung des Drachen heimkam und zu einem Festmahl in den Rittersaal ging, sich nicht zur Feier des Tages einen Schlips umgebunden?

Weil sonst der Hagen gekommen wäre und gesagt hätte: ach was hast du denn da Schönes um den Hals, was für ein schöner Stoff, laß mich mal fühlen,... und übrigens habe ich genug von dir, und tschüs. Und nach dem Motto: der Täter ergreift die vom Opfer bereitgestellte Tatwaffe, hätte Hagen nur an den beiden herabhängenden Enden des Schlipses ziehen müssen, um Siegfried auf der Stelle zu erdrosseln. So hat der Schlips am Ende doch eine Funktion: nicht nur der Schlips hängt am Mann, sondern auch der Mann hängt am Schlips. Wenn es ihn schon zur Zeit der französischen Revolution gegeben hätte, wäre das eine Art Service für Revolutionäre gewesen, und es wäre den Opfern zwar nicht das Sterben aber doch viel Blutvergießen erspart geblieben. Und auch unsere heutige Schlipsokratie könnte dergestalt, wenn wir nicht so hochzivilisiert wären, ein jähes Ende nehmen. Die Revolutionäre könnten die Schlipsokraten  einfach zwanzig Zentmeter höher hängen, und mit Hilfe der fahrbaren Garderobenständer, wie sie überall in den Foyers der Parlamente vorhanden und mit durchnumerierten Doppelhaken ausgestattet sind, einfach hinausfahren.

 

 

 
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